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Training hinterm Deich

Das Ost-f-Riesengebirge

Dies ist der Start einer kleinen Miniserie zum Thema „Wie gehe ich mit meinem mich umgebenen Trainingsrevier um, das ich mir nicht aussuchen kann?“ und „Wie halte ich mich selbst bei Laune?“ (Selbstbetrug ist bekanntlich das halbe Leben). Ich möchte hier ich ein paar Tipps zur Trainingsgestaltung im norddeutschen Riesengebirge im Osten der niederländischen Grenze geben: Das Ost-f-Riesengebirge. Als Erklärung für den gewöhnlichen Hügeldrücker: Das f steht im hohen Norden (wo alles relativ zu orangefarbenen Monarchien orientiert wird) für fucking windig.

Einige der Trainingstipps lassen sich leicht auf andere Gebiete übertragen, jedoch – unter anderem der erste Teil – wird in der Ausgestaltung stark von der im norddeutschen Deichgebirge typischen langgezogenen, bis zu ca. 10m hohen Naturbetonhügelketten abhängen.

Damit steigen wir doch einfach mal in den ersten Teil ein.

Teil 1: Birdchasing

Kategorie: Intervalltraining

Im Norden typisch auf schön begrasten Betongebirgshängen sind viele Vögel(chen) und Schafe. Zu den Schafen komme ich in einer anderen regenerativen Einheit. Hier soll es heute insbesondere um die kleinen Vögelchen gehen, die eher schreckhafter und dummer Natur sind, was wir uns für die folgende Einheit zu nutze machen.

Nach einem mehr oder weniger langen Einpedalieren im Tal zu den Deichhängen schwenken wir auf den meist gut ausgebauten Wirtschaftswegen hinterm Deichkamm an diesem entlang (Bitte darauf achten, nicht auf eine der vielen Passstraßen abzubiegen!). Schon bald wird auffallen, dass die kleinen Vögelchen – auch der ein oder andere Vogel, der uns aber zu träge sein wird – durch unsere Annäherung aufgeschreckt werden und zumeist versuchen, so schnell wie möglich den größtmöglichen Abstand zwischen sich uns uns zu bringen. Das führt zur typischen Flucht nach vorne (statt nach oben, daher die Einschätzung „eher dumm“), die wir uns für ein Intervall zu nutze machen.

training-hinter-deich-007Darum: Beim Aufschrecken eines Vögelchens einfach Vollgas geben mit dem Ziel, diesen quasi einzuholen. Das wird zwar nicht gelingen, dennoch gibt das Biest (wie es einem nach einigen Sekunden erscheint) zumeist früher oder – gut für den Trainingseffekt – später auf und biegt ins Tal oder bergauf ab. Das ist dann das Zeichen für das Intervallende. Bis zum nächsten aufgeschreckten Dümmling, der nicht lang auf sich warten lässt.

So einfach – so gut. Die Anzahl der „mitgenommen Flugobjekte“ kann je nach Trainingsstand und gewünschter Gesamtintensität frei gewählt werden. Wie immer gilt: mehr ist härter.

Am intensivsten ist die Einheit an schönen Tagen, insbesondere im Frühjahr. Dort treten die Deichsegler auch oft in Pärchen auf, was man zur einer Variation mit Hochtrittfrequenzintervallen nutzen kann.

Weitere Varianten

Anfänger: die Einheit mit dem Wind ausführen
Fortgeschrittene: mit schwachem Seitenwind
Profis: mit Gegen- oder böigem Seitenwind (für die Logiker: typischerweise stehen nicht alle Optionen jeden Tag zur Verfügung).
Als Kür kann noch die Vogelartbestimmung in jedes Intervall eingebaut werden.

Eine bekannte vergleichbare Trainingseinheiten in anderen Trainingsgebieten ist die Astmaausrede, auch bekannt als Mofahunting.

Übrigens, wer nach der Einheit nicht im Arsch ist, der hat was falsch gemacht.

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Ein Beitrag von:
Frederik Wagner
In der IT abgestiegener, perfektionistischer Physiker «by training», der den Pragmatismus zu Lieben gelernt hat und mittlerweile am Alpenrand in Bayern heimisch. Als aus Berlin stammender halber Holländer 11 Jahre München überstanden – ja zum Radln ist’s da scho sche – und zwischendurch mal hinterm Deich gestrandet. Wind trainiert tatsächlich auch! Jedoch gerade beruflich – wen’s interessiert, Link ganz unten – viel unterwegs, darum leider nicht so viel auf dem Rad wie gewünscht. Netter Nebeneffekt: Ausrede für ’nen Bromptonkauf.
4 Kommentare
  1. Barbara Mohr sagte:

    Lieber Frederik,
    danke für deinen Beitrag, der mir eine amüsante Sonntagmorgen-Lektüre war. Dein Beitrag ist nicht nur unterhaltend sondern äusserst inspirierend und wahr. Wahr weil wie immer in das Gute im Einfachen liegt und inspirierend weil, wie Du sagst, die Umgebung voller Trainingsanreize ist. Bei uns in Bangerten bietet sich z.b die Variante des „Bschüttihuntings“ ( Bschütti zu Deutsch: Gülle). Im Frühling und im Herbst lassen immer längere Abschnitte mit Gülle panierten Feldern auf sich warten, die man gerne schnellstens hinter sich lässt. Wenn man diese dann- quasi als Fortgeschrittenenskill- noch mit angehaltener Atmung durchquert kommt das wohl einem Profihöhentraining gleich. Warum bin ich da nicht eher drauf gekommen?!
    Liebe Grüsse nach Norden, vorallem an Maike. Ihre Beiträge flutschen bei mir besonders gut!
    Barbara

    Antworten
    • Frederik sagte:

      Hallo Barbara,
      freut mich, dass Dir der Beitrag gefallen hat. Dein Idee ist auch super!
      Und sowieso witzig: zum Thema Gülle haben Maike und ich auf einer – wunderschönen Tour – von Bangerten durchs Emmental auch eine Erfahrung gemacht. Ein nette Bauer war in einer Abfahrt den Hang am Gülle „beschütten“. Er hat zwar netterweise seine Maschine gleich als er uns vom Weiten sah abgestellt, aber… Das Zeug nieselt so lange in der Luft rum, das wir eine Nebedusche abbekommen haben. Danach war eine Sprinteinheit zum nächsten Dorfbrunnen angesagt und nach der Tour radputzen.

      Ach ja und nett ist auch „Deichschafscheisse-Slalom“. Gerade heute wieder gemacht.

      Liebe Grüße in den Süden – natürlich auch von Maike (die schon was von Ohrringen gequatscht hat :-).
      Frederik

      Antworten
      • Barbara Mohr sagte:

        Ohrringe? Das ist ja wunderbar! Dann haben wir das Sämlein am richtigen Ort eingepflanzt:-)
        Hoffentlich schaffen wir es bald einmal zu euch hoch, nun sind wir definitiv gespannt, Deichschafscheisse…

        Antworten

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