Lienzer Dolomitenrundfahrt 2016 training rennen Radrennen Österreich
Lienzer Dolomitenrundfahrt 2016 training rennen Radrennen Österreich

Foto: www.sportograf.com

Lienzer Dolomitenrundfahrt 2016

oder der Tag, an dem ich mich neu erfunden habe.

Auch 2016 steht natürlich die Lienzer Dolomitenrundfahrt für mich auf dem Programm. Einerseits ist das für mich der wohl stimmungsvollste Radmarathon, den ich bisher gefahren bin, andererseits ist Freund und Kollege Roli mit einer paar Bekannten vor Ort. Die fahren alle den SuperGiroDolomiti, also die lange und ungleich mühsamere Variante. Diesmal sparen sich die Teilnehmer allerdings gute 20 Kilometer, da der Nassfeldpass auf italienischer Seite gesperrt ist. Nur die Ersatzroute hats wohl auch in sich, denn der berühmt berüchtigte Monte Zoncolan wartet mit seinen gefürchteten Steigungen auf die SGD Teilnehmer. Ich beneide keinen darum. Roli hat sich bereit erklärt, für Lorraine, die mit berechtigten Podesthoffnungen ins Rennen geht, das Tempo zu machen und seine eigenen Ambitionen hinten angestellt. Dass die beiden ein gutes Gespann abgeben, ist ja eh schon erprobt.

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Am Vorabend beim Essen gibt’s natürlich nur das Thema, wie man die Renntaktik auslegt, vor allem im Bezug auf den Zoncolan, wo man die Flaschen auffüllt und auch ausleert, um nur ja kein Gramm zu viel mit hinaufschleppen zu müssen. Diese Akribie in der Planung des Rennens ist mir persönlich fremd, ich gehe da immer eher pragmatisch vor. Aber das ist in meiner Lage auch logisch, denn erstens kämpfe ich nie um Siege oder Podestplätze, sondern nur um die Ehre, und zweitens ist das Ganze bei mir auch situationsabhängig, wie eben die Dolomitenrundfahrt wunderbar zeigt. Ich muss mich meiner persönlichen Form anpassen und dann hängt auch viel von meinen Begleitern ab, von der Gruppe, in die ich reinrutsche.

Auf die Fragen, meiner Kollegen, was ich mir erwarte, sage ich, “dass mein Rekord vom letzten Jahr bei 4:51 liegt, ich gerne mindestens 4:47 fahren würde, es dann aber hoffentlich doch 4:43 werden“. Ja, ich und meine große Klappe, das wird mir dann sicher wieder zum Verhängnis. Aber gut, schauen wir mal.

Da ich am Sonntag sowieso schon seit drei Uhr wach bin, kann ich das Frühstück mit den Kollegen um fünf einnehmen. Deren Start ist nämlich um 6:30 Uhr. Also muss man natürlich früh zur Kalorienaufnahme schreiten. Ich haue mich nach Frühstück nochmals ins Zimmer, mir geht’s auch irgendwie nicht so gut. Es gibt einen kurzen Moment, in dem ich sogar überlege, die Sachen zu packen und abzuhauen. Aber ich überrede mich selbst doch dazu, anzutreten. Immerhin bin ich jetzt schon mal da. Also um 9 Uhr ab zum Start, und dann unten warten, wie üblich. Ich reihe mich in Block 4 ein, denn ich sehe mich nicht zwingend als Sportfahrer, sondern als Hobbyfahrer. Die Startnummer hätte eine Aufstellung im dritten Block hergegeben.

Das Rennen

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Um 9:30 Uhr geht’s los. Der Anfang wie üblich sehr hektisch, die ersten 20 Kilometer gehen leicht bergab nach Oberdrauburg. Und siehe da, nach ca. sieben km bremst das gesamte Feld runter. Anfangs checke ich überhaupt nicht, was los ist, aber kurz darauf sehe ich, dass hier einige Fahrer gestürzt sind. Die vier oder fünf Leute sind quer über die ganze Straße verteilt, und es ist auch Einiges an gesplittertem Carbon zu sehen. Das bedeutet, es dürften auch Rahmen zu Bruch gegangen sein. Aus meiner Sicht ist so etwas völlig unnötig. Wir wollen doch alle unseren Spaß haben und uns dabei doch nicht verletzen. Ich weiß zwar nicht, was passiert ist, aber ich hoffe, es ist nichts allzu Schlimmes.

Trotzdem bleibt die Startphase wie gewohnt weiter hektisch. Ich halte mich aus allem raus, arbeite mich aber unerwarteterweise ordentlich nach vorne, so wie ich das sehe. Nichts desto trotz, die Finger sind immer an der Bremse, um im Fall des Falles auf brenzlige Situationen reagieren zu können. Zum Glück komme ich dann gut nach Oberdrauburg und damit wäre der gefährlichste Teil geschafft, jetzt geht’s auf den Gailbergsattel. Der ist nicht besonders hoch und nicht übermäßig schwierig, bringt aber natürlich eine Selektion. Das ist auch gut so. Ich finde hier sehr gut in meinen Tritt rein und pedaliere sehr schön hoch. In einer Kehre stehen Fans mit Regenbogentrikot, ich gehe davon aus, dass es hier darum geht, den Lokalmatador und Juniorenweltmeister Felix Gall anzufeuern. Aber die Fans haben Kuhglocken mit und geben Vollgas. Ich freue mich sehr über diese Unterstützung und juble den Fans auch zu, was von denen wieder dankbar mit frenetischer Anfeuerung erwidert wird. Letzenendes läuft es dann darauf hinaus, dass ich den Anstieg flotter erledige als im letzten Jahr. Ein Lächeln huscht über meine Lippen.

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Die Abfahrt nach Kötschach macht Spaß, vor allem, weil’s endlich mal trocken ist. Das habe ich bisher noch selten erlebt. In Kötschach biegen wir dann alle nach rechts, hinein ins Lesachtal ab. Kurz bevor der Anstieg beginnt gibt’s eine Labestation. Ich halte kurz, fülle mein Wasser auf und nehme mir etwas zu beißen mit. Überraschend flott geht’s wieder weiter. Nun geht es richtig los. Anfangs noch relativ human, ich bekomme es ganz gut hin, die Anfangs-Höhenmeter gelingen mir gut. Dann wird’s steiler, bis zu 13%, trotzdem kann ich das Tempo für meine Verhältnisse hoch halten.

Ich beginne an meine Behauptungen vom Vorabend zu glauben. Natürlich ist der Anstieg auf den Kartitscher Sattel eine richtig harte Prüfung, vor allem mental, denn Roli hat hier mal 19 Zwischenabfahrten gezählt. Ohne nachgezählt zu haben, gefühlt sind’s 50. Aber ich kenne die Strecke und somit bin ich drauf vorbereitet. Ich komme echt ganz gut weiter und habe auch teilweise ein paar Leute um mich herum, was aber im Anstieg natürlich nicht so extrem wichtig ist. Aber trotzdem kann ich die eine oder andere Unterhaltung führen, das ist für mich auch eine Qualität meiner Leistungsklasse.

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Ich komme ganz gut voran und das Wetter hält. Kurz vor der Verpflegungsstation in St. Lorenzen holen mich die beiden Führenden des SGD ein. Früher als erwartet, aber erstens sind die gut, wobei, ich für meine Verhältnisse auch, und zweitens ist die Strecke des SGD einfach um 20 km kürzer als letztes Jahr, aber leichter ist sie auch nicht.

Ich halte dennoch an, um mich wieder zu verpflegen. Da ich schon leichte Anzeichen von Krämpfen hatte, sind Wurst und Käse gefragt, Salz hilft einfach. Ich schicke es gleich voraus, es war genau das Richtige, ich komme krampffrei durch.

Und weiter geht’s. Ich kann das Tempo weiter gut halten und bald ist Obertilliach im Blick, das Wintersportzentrum in Osttirol. Dort gibt’s wieder etwas zu Beißen, auch hier greife ich zu, denn die letzte Labesation in Tassenbach lasse ich traditionell aus. Also heißt’s gut essen, und dann weiter.

Eine letzte Zwischenabfahrt vor dem Sattel lässt mich auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigen, ich bleibe knapp unter 80 Sachen. Hier merke ich schon, dass ich sogar 4:40 packen kann. Das motiviert zusätzlich und unterbewusst schaue ich mich schon nach Begleitern für die 30 km ins Ziel um, um die Passage im Pustertal so gut und rasch wie möglich zu erledigen. Nun noch die letzten Höhenmeter zum Kartitscher erledigen, bin ich froh, wenn ich auch das hinter mir habe.

Die Abfahrt nach Tassenbach ist dann etwas holpriger als gedacht, mir schlägt es mehrmals fast den Lenker aus den Händen, das lässt mich dann doch etwas vorsichtiger werden. Und kurz bevor ich im Tal unten bin ist sogar der Asphalt weg und ich fahre kurz auf Naturstraße. Natürlich werde ich wie alle Fahrer aber hierauf von Streckenposten aufmerksam gemacht. Organisatorisch wird hier recht gut gearbeitet.

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Dann endlich unten, ab auf die Hauptstraße und zu meinem Ärger bemerke ich, dass der Gegenwind äußerst heftig ist. Aber gut, da vorne ist dann noch der letzte Hügel, den gilt es zu nehmen, und dann wird die Gruppe gebildet, so der Vorsatz.

Also nochmals raufgewürgt, und oben dann formiert sich schon ein Grüppchen, mit dabei haben wir auch einen starken Fahrer, der den SGD schon fast hinter sich hat. Wir beschließen, keinen Kreisel zu bilden, das kann auch nicht jeder, sondern wir wechseln uns einfach alle paar hundert Meter ab. Das funktioniert auch relativ gut, das Tempo passt, wir sind immer über 35 Sachen.

Nach und nach holen wir immer mehr Mitstreiter ein, und dann wird die Idee geboren, eben einen dieser ominösen Kreisel zu bilden. Auch hier bin ich noch mit dabei, wohl wissend, dass das nicht meine Stärke ist. Aber ich versuche mich dran, will nicht nur mitlutschen. Meine ersten beiden Ablösungen geraten etwas zu lang, Karl, ein Tiroler, weist mich darauf hin. Ich versuche, diesen Rat so gut wie möglich zu beherzigen und es gelingt auch ganz passabel. Die Größe der Gruppe erhöht sich ständig. Das ist zwar sehr schön, weil dann mehr Leute für die Fahrt im Wind da sind, aber die Ordnung geht verloren. Auch hier bin ich noch mit dabei von der Partie.

Aber immer mehr und mehr SGD-Fahrer kommen dazu, und die reißen sich förmlich darum, im Wind zu fahren. Da ich das Tempo sowieso nur mit einiger Mühe halten kann, beschließe ich nun, mich aufs Windschattenfahren zu verlegen. Ein Blick auf den Radcomputer sagt mir, wir fahren fast ständig über 45 km/h, da muss sich eine Zeit um 4:35 locker ausgehen. Das Tempo bleibt enorm hoch und ich habe bei den kleinen Tempoverschärfungen dank Ziehharmonikaeffekt ordentlich damit zu tun den Anschluss zu halten Aber es gelingt mir immer wieder. Wir rasen weiter dem Ziel entgegen  und die 4:30 geraten in den Bereich des Möglichen.

Eine richtig gefährliche Situation gibt’s natürlich auch noch, denn beim Kreisverkehr, einen halben Kilometer vorm Ziel fährt ein Radtourist trotz sämtlicher Warnungen von Polizei und Streckenposten mit einer Geschwindigkeit von gefühlten 5 km/h rein und bremst mitten in unserer Ausfahrt auch noch ab. Glücklicherweise geht alles gut und keiner stürzt. Dadurch zerreißt es die Gruppe, aber das ist für den letzten halben Kilometer kein Problem mehr. Mit einem Lächeln auf den Lippen und einer kurzen Jubelpose, die aber meinem Naturell entsprechend sehr dezent ausfällt, überquere ich den Zielstrich. Ein Blick auf den Garmin offenbart mir gar erstaunliches. 4:23, ich wiederhole gern: 4:23. Ich habe meinen Rekord um 28 Minuten geschlagen, pulverisiert, nein, zerstört.

Ich bekomme den Grinser gar nicht mehr aus dem Gesicht raus, trotz der Müdigkeit, die mich überkommt. Ich freue mich irrsinnig. Ja, ein richtiges Glücksgefühl durchströmt keinen Körper. Sabine aus unserer Reisegruppe wartet auf ihren Freund Peter, der den SGD fährt. Ich unterhalte mich im Ziel also mit ihr. Sie war natürlich noch ein wenig flotter als ich, was mich für sie freut, aber meine Leistung für mich nicht um das kleinste bisschen schmälert.

Ich warte noch ein wenig auf Roli und Lorraine, weil ich mir die beiden schon noch ein wenig anschauen will. Meiner Hochrechnung nach sollten sie ca. eine halbe Stunde nach mir ins Ziel kommen, und siehe da, hier liege ich richtig. Ich beglückwünsche die beiden zu ihrer Leistung, Lorraine wird insgesamt Zweite bei den Damen und gewinnt ihre Klasse. Chapeau, würde ich hier sagen.

Alles in Allem eine äußerst gelungene Veranstaltung, ich komme gerne wieder.

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