Lake District   Love at second sight reisen touren herbst Rennradtour Rennradrevier England
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Lake District – Erster Tag

Als ich kurz vor dem Scales Farm Country House auf die A66 einbog und mich der erste LKW mit einem Schwall Spritzwasser zuschüttete, glaubte ich den Lake District aus tiefstem Herzen zu hassen. Da wußte ich noch nicht, daß auf den folgenden Meilen im strömenden Regen bis Keswick noch einige LKWs an mir vorbeirauschen sollten, und mein Haß noch in ganz andere Sphären vorstoßen würde.

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Blencathra

Am Morgen hatte alles noch ganz gut ausgesehen. Guy vom Country Lanes Cycle Centre und ich studierten zusammen den wolkenverhangenen Himmel über Windermere. Wir waren uns einig, daß es wahrscheinlich regnen, der Regen aber schnell abziehen würde. Guy stellte noch schnell den Sattel meines Leihrads ein, empfahl mir ein paar ruhige Sträßlein, und schon war ich unterwegs zum Kirkstone Pass. Kurz hinter Windermere fing es an zu nieseln. Soweit traf unsere Prognose zu. Der Niesel wurde zum Regen, und wieder zum Niesel, und wieder zum Regen. Egal in welcher Form, es wollte nicht aufhören, feucht von oben herab zu tröpfeln. Das war so nicht vorhergesehen. Es sollte doch schnell wieder aufhören. Aber die Wolken hingen tief über den Fells, und die grandiosen Aussichten auf den Windermere, von denen ich gelesen hatte, blieben Leseeindrücke. Der Ullswater hinter dem Kirkstone Pass, einer von Englands bekanntesten Seen, entpuppte sich als regengepeitsche, dröge Wasserfläche. Über den Anstieg nach Matterdale End und einen schafsmistverschmierten Feldweg erreichte ich schließlich die A66.

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Thirlmere mit Helvellyn

Auf der A66 hing meine Laune noch einmal ein gutes Stück tiefer als die Wolken, quasi auf Radnabenhöhe. Wahrscheinlich war es einfach eine Schnapsidee gewesen, bei den unsicheren englischen Wetterverhältnissen im Herbst in den Lake District zu kommen. Im Grunde genommen war es noch ziemlich mild auf der Insel, mit über zwanzig Grad am Vortag in London. Will heißen, der Regen würde im Juli auch nicht wesentlich wärmer sein. Trotzdem war es mehr als unangenehm, pitschepatschenaß auf einer stark befahrenen Bundesstraße mit der Aussicht auf einen verregneten Nachmittag motivationslos vor sich hin zu pedalieren. In Keswick würde ich erst einmal eine Pause machen, und dann weitersehen.

Die Pause in Keswick fiel aus. Ich war so genervt von allem, daß ich das Kaff nur streifte und den Wegweisern Richtung Borrowdale folgend so schnell es ging am Ufer des Derwent Water nach Süden fuhr. Warum ich das tat, wußte ich nicht so genau. Besser wäre gewesen, die A591 über Ambleside zurück nach Windermere einzuschlagen oder sogar den Bus zwischen beiden Städtchen zu suchen. Irgendwie war mir alles egal, und da mein Tourenplan den Weg nach Borrowdale vorsah, konnte ich genauso gut in die Richtung fahren und die Sache hinter mich bringen. Mit einer Gemütsstimmung, die man am besten als defätistische Wut beschreiben kann, trat ich in die Pedalen.

Dann ließ, hallelujah, der Regen nach, und meine Wut verschwand wie der Nebel über dem Derwent Water. Die Wolken hoben sich. Ich schaute mich um und stellte fest, daß ich in einem wildromantischen Tal unterwegs war, in dem Büsche und Bäume anfingen, sich ihre herbstlichen Farben überzustreifen. Eigentlich, stellte ich fest, sah die Sache gar nicht so übel aus.

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Helvellyn Range

Ein Paß stand an, der Honister Pass, die erste harte Prüfung an jenem Tag, wenn man mal vom schlechten Wetter absah. Über eine brutal steile Straße drückte ich mich an einem reißenden Bach entlang nach oben. Auf der Paßhöhe zog es wie Hechtsuppe. Ich hielt mich nicht lange auf und bremste mich vorsichtig bergab zum nächsten See, dem Buttermere. Ein Rennradfahrer kam mir entgegen, er grinste fröhlich. Vom Buttemere fuhr ich über Paß Number Four des Tages, dem Newlands Pass, Richtung Braithwaite. Zwei weitere Rennradler kamen mir entgegen, die full speed über einen cattle grid bretterten. Ich stieg vor dem Ding lieber ab, im Juni war ich an einer Wasserrinne hängengeblieben und böse gestürzt….lieber nichts riskieren.

Auf der Abfahrt guckte die Sonne kurz durch die Wolken. Und dann noch einmal, ein bißchen länger. Unter mir breitete sich ein herrliches Tal aus mit einem sattgrünen Talboden und kargen, braun-rot gefärbten Fells zu beiden Seiten. In Braithwaite ging es links weg zum nächsten Paß, dem Whinlatter Pass. Die Straße verlief

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Skiddaw

fast komplett in einem Wald, der in der immer wieder durchbrechenden Sonne mächtig viel Feuchtigkeit verdampfte. Auf der Paßhöhe drehte ich um und fuhr über Braithwaite zurück nach Keswick.

Die kleine Runde von Keswick aus war nicht übel gewesen. Optisch gab der Lake District doch einiges her, wenn die Wolken mal ein Stück höher hingen. Ich gönnte mir ein Päuschen in einer Bäckerei in der Fußgängerzone.

„You cyclists are all the same, craving for sugar!“. Da hatte mich die Verkäuferin gleich richtig eingeordnet. Nach einem kurzen Plausch verabschiedete ich mich nach draußen, beladen mit Scones, Quarkgebäck und einer Coladose. Mittlerweile war die Sonne voll rausgekommen, und die Engländer spazierten in T-Shirts umher. Ganz so warm war mir nicht, aber zumindest war ich wieder trocken, bis auf die Schuhe, in denen das Wasser noch in der Einlage steckte. Ich verließ Keswick und machte mich frohgestimmt auf den Rückweg nach Windermere.

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Borrowdale

Die A591 nach Süden war nicht so dicht befahren wie befürchtet. Trotzdem bog ich oberhalb des Thirlmere, wie von Guy empfohlen, rechts ab auf eine asphaltierte Nebenstraße, die am Westufer des Sees parallel zur A591 verlief. Die Szenerie war atemberaubend, weil die schon tief stehende Sonne die mächtige Flanke des Helvellyn neben dem See in warmes Licht tauchte.

Zurück auf der A591 ging es hinter einer Kuppe, dem Dunmail Raise, der so etwas wie die Grenze zwischen dem Norden und dem Süden des Lake Districts ist, länger bergab Richtung Grasmere. Vor Entzücken wäre ich beinahe in den Straßengraben abgeflogen, denn der Anblick von Grasmere in einem kleinen Hügelkessel mit dem gleichnamigen See daneben war vom Allerfeinsten. Vorbei am Rydal Water erreichte ich Ambleside am Kopf des Windermere. Viel Zeit blieb mir nicht mehr, die Sonne war schon hinter den Bergen verschwunden. Ich gab Gas und kam in Windermere an, gerade als es duster wurde.

Beim Abendessen im Francine’s (http://www.francinesrestaurantwindermere.co.uk/) dachte ich über die Eindrücke des Tages nach. Hatte ich heute mehr Pässe oder Seen gesehen? Wahrscheinlich mehr Seen, neun insgesamt. Die Tour hatte schlecht angefangen und ein famoses Ende gefunden. Und mit ein bißchen Glück würde es am nächsten Tag noch besser werden.

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Zweiter Tag

Von wegen Glück. Am nächsten Morgen überraschte mich der Lake District mit einer weiteren Facette seines launischen Wetters. Wie in den Wetternachrichten angekündigt war über Nacht von Island her kalte Luft eingesickert. Als ich im Sonnenaufgang die Hauptstraße Windermeres entlangradelte, lag die Temperatur nur noch bei knapp über null Grad. Viel zu kalt für die Ärmlinge und Beinlinge, die ich trug. Auch von langen Handschuhen konnte ich nur träumen, die waren zu Hause geblieben. Im Francine’s hatte ich mir ausgerechnet, daß ich für die 90km, die mir heute bevorstanden, einen Schnitt von 18km in der Stunde brauchte, um meinen Zeitplan einzuhalten. Der war eng getaktet. Duschen, Rad abgeben, mit dem Zug nach Oxenholme, mit dem nächsten Zug zum Flughafen nach Manchester, mit dem Flugzeug nach Barcelona. Die Sache konnte nur dann klappen, wenn ich um spätestens 14:00 Uhr den Zug Windermere-Oxenholme nehmen würde. Davon hing alles ab.

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Langdale

Nun klingt ein Schnitt von 18km pro Stunde machbar auch für denjenigen, der ein paar Jahre lang Radfahren nur im Fernsehen gesehen hat. Man muß aber bedenken, daß man auf den engen Straßen im Lake District kaum einmal richtig durchziehen kann. Dazu standen sechs Päßlein auf meinem Menu. Bis auf einen alle abschnittsweise steil oder megasteil. Und Steilstücke von 20% fliegt man weder hoch noch runter. Jedenfalls ich nicht.

Zumindest würde ich zwischen Windermere und Ambleside den Schnitt schon einmal ordentlich in die Höhe treiben, ging es doch tendenziell abwärts. Hatte ich mir im Francine’s so vorgestellt. In der traurigen Realität schlotterte ich Ambleside entgegen, bemüht, so langsam wie möglich zu fahren, um die Auskühlung durch den Fahrtwind nicht auf arktisches Niveau zu heben. Während ich hoffte, den Tag ohne Frostschäden zu überstehen und Finger und Füße schmerzten wie die Hölle, ging mir auf, daß ich summasummarum doch noch Glück gehabt hatte. Über dem Windermere hing nämlich eine gewaltige Nebelbank, und wäre die Nacht eine Stunde länger gewesen, hätte der Nebel die Täler des Lake District vermutlich zugedeckt. Dann wäre es nicht nur kalt wie Hölle, sondern auch eklig feucht.

In Ambleside bog ich nach Westen ab, und kurz dahinter nochmal links in eine Landstraße ein, die am Nordwestufer des Windermere entlangführte. Am Beginn des ersten Anstiegs, zum Hawkshead Hill, bot sich mir ein unglaubliches Bild. Über dem See lag eine riesige weiße Walze, während die Hänge auf der anderen Seite im rotgoldenen Licht des Sonnenaufgangs badeten. Der Gegensatz war unbeschreiblich, fast schon mystisch zu nennen.

Die Abfahrt vom Hawkshead Hill weckte nostalgische Erinnerungen an den Hohen Meißner, von dem ich während einer in einem Anflug von wahnhafter Langeweile absolvierten Tour an den Weihnachtsfeiertagen Jahre zuvor herabgerollt war. Damals war mir das Wasser in der Trinkflasche gefroren.

Der nächste See, Coniston Water, versteckte sich ebenfalls schüchtern im Nebel. Hinter Coniston folgte der nächste Anstieg, eine kurze steile Rampe zum Broughton Moor. Die Sonne stand nun halbwegs hoch am Himmel, so daß die Temperatur Grad um Grad nach oben kletterte. Vom Broughton Moor aus sah ich eine Industrieanlage in der Ferne direkt am Ufer der Irish Sea. Ich vermutete, daß dies Sellafield war, die Nemesis des Lake Districts.

Die nächsten 30 oder 40 Kilometer waren die atemberaubendsten, die ich im Lake District zurücklegte. Viele Bilder von diesen Kilometern habe ich immer noch im Kopf: die Marslandschaft am Kiln Bank Cross, die grandiose Aussicht zum Scafell Pike vom weiten Birker Fell aus, das grüne, rollende Eskdale.

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Eskdale

Ernüchternd war der Hard Knott Pass. Der Hard Knott ist der berüchtigste Paß Englands. Eine Art von Mini-Zoncolan, nur daß die Maximalsteigung wesentlich höher ist. Das Eskdale hörte einfach auf, vor mir erhob sich eine steile Wand, und durch die Wand führte eine Straße nach oben. Es waren nur zwei Kilometer vom Talgrund bis zur Paßhöhe. Ich konnte sie komplett überblicken. Und was für ein Anblick! Ich sah drei Radfahrer, die über die Straße verteilt nach oben….nun ja, fuhren ist nicht das richtige Wort. Zwei schoben, aber es war kein richtiges Schieben, eher ein Rad-nach-oben-wuchten. Einer saß tatsächlich auf dem Rad und wackelte irgendwie hinauf.

Das Herz sank mir Richtung Sitzpolster. Himmel hilf, war das Ding steil! Im Eskdale hatten meine Beine schon nicht mehr so toll funktioniert, ich hatte einen Typen auf einem hundert Jahre alten Stahlrennrad ziehen lassen müssen (das war übrigens der, der oben am Berg noch auf dem Rad saß). Ich machte schnell ein Foto von der Telefonzelle am Beginn des Anstiegs (keine Ahnung, wer von da aus telefonierte) und legte los, mit einem unguten Gefühl im Magen.

Tatsächlich stieg ich direkt am cattle grid nach ein paar Metern wieder ab. Es war mir zu riskant, so ein Ding bei 15% Steigung fahrend zu überqueren. Einmal den Lenker leicht verrissen, und schon wäre die Tour vorbei gewesen. Wobei, von der Telefonzelle aus könnte ich ja einen Krankenwagen rufen…wahrscheinlich stand sie deswegen da. Die gefürchtete one-in-three-Serpentine durchzustehen, hatte ich mir bereits im Eskdale abgeschminkt. Tatsächlich mußte ich vor der Serpentine zum zweiten Mal vom Rad, und zwar in einer 25%-Rampe auf dem ersten Kilometer. Dahinter gab es eine Art von Flachstück, das direkt auf die Kurve zuhielt. Die sah wirklich furchterregend aus. Wieder klickte ich aus, schob durch die Kurve und mühte mich aufs Rad zurück.

Oben atmete ich tief durch. Eine gewisse Enttäuschung konnte ich nicht verleugnen. Wäre ich den Hard Knott am ersten Tag gefahren, oder vielleicht mit einem 27er oder gar 29er Ritzel hinten, hätte es klappen können. Ich bremste mich vom Hard Knott runter und vergaß die Enttäuschung sofort. Vor mir breitete sich der Wrynose Bottom, sprich das obere Duddon Valley, aus. Wenn es ein weltentrücktes Tal gab, dann mußte es dieses sein. Die tiefstehende Sonne tauchte eine Talseite in gleißendes Licht, die andere blieb im Halbschatten. Die Hänge waren bedeckt mit braunroter Heide, die wie ein Chamäleon am Talgrund ihre Farbe zu beige mit grünen Sprenkeln änderte. Mittendrin sprudelte der Duddon, ein an diesem Ort wenige Meter breiter Bach.

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Duddon Valley

Zum Wrynose Pass hinauf waren es nur ein paar Meter, natürlich erschwert durch eine Rampe im 20%-Bereich. Auf der Paßhöhe war einiger Betrieb, Autos parkten dort und eine Horde Wanderer zog nach Westen. Eine ältere Dame beobachtete meinen Aufstieg und gab mir zu verstehen, daß ich für die Anstrengung eine Medaille verdient hätte. Ich versuchte zu erklären, daß der Paß nebendran viel steiler wäre, und der hier ein Klacks dagegen, aber sie kannte den Hard Knott wohl nicht und schaute nur ungläubig. Vielleicht verstand sie auch mein mühsam herausgepreßtes Englisch nicht.

Wie stand es eigentlich mit der Zeit? Hoppla, kurz vor Zwölf. Das hieß, um ohne Hetze duschen, packen und Rad abgeben zu können, müßte ich in etwas mehr als einer Stunde in Windermere eintrudeln. Sollte machbar sein,

Vom Wrynose fuhr ich ab ins Little Langdale. Die Straße war steil und ziemlich bockig, beinahe hätte es mich vom Rad geworfen. Das Little Langdale entpuppte sich als Idylle pur, England wie aus dem Märchenbuch, mit hohen Hecken, grünen Wiesen und rustikalen cottages unter Baumgruppen, die sich farblich dem Hochherbst näherten. Ich versuchte Gas zu geben, was nicht immer klappte, da das Terrain welliger als erwartet war. Auf der etwas größeren Straße zwischen Coniston und Ambleside hängte ich mich an zwei Rennradler, die mich bis nach Ambleside zogen. Der Windermere sah ganz anders aus als am frühen Morgen. Der Nebel war verschwunden, unter einem blauen Himmel zogen Ausflugsboote übers Wasser.

Der Rest klappte wie am Schnürchen. Ich hatte noch so viel Zeit, daß ich noch eine Weile am Bahnhof in Windermere in der Sonne saß und mir ein Ale aus der Dose genehmigte. Kurz zusammengefaßt kann ich sagen, daß mich der Lake District enorm beeindruckt hat. Ein Mittelgebirge, das wie ein Hochgebirge wirkt, gespickt mit schmalen Seen und Tälern geprägt von herber Schönheit. Er wird mir immer in Erinnerung bleiben als eins der außergewöhnlichsten Radreviere, die ich kennengelernt habe. Und das, obwohl der Einstieg in den Lake District so gründlich mißlungen war…

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