Aller guten Dinge sind 3! Mein Ötztaler 2017 training rennen Timmelsjoch Sölden Rennradtour Radrennen Radmarathon Ötztaler Radmarathon Alpenpässe Alpen
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Der Tag ist gekommen

So, der 27. August 2017 ist gekommen. Zeit, meine Rechnung mit dem Ötztaler Radmarathon zu begleichen. Ich stehe wieder in Sölden in der Startaufstellung, gemeinsam mit Peter und Gerhard, mit denen ich gemeinsam bei unserer Transalp unterwegs war. Wir scherzen ein wenig herum und unterhalten einander gegenseitig. Ich weiß nicht, wie es bei den beiden ist, aber bei mir wohl auch, um meine Nervosität ein wenig zu überdecken.

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Gipfelsieg am Großglockner – Top of Austria

Aber wie bin ich hier hergekommen? Wie war der Weg nach Sölden, also jetzt nicht geografisch, denn das wäre relativ klar, sondern metaphorisch. Also von den Radkilometern her, naja, ich glaub, ich hab schon 700 mehr drauf als letztes Jahr zu diesem Zeitpunkt. Mein Privatleben ist auf Schiene, siehe meine äußerst charmante Begleitung Lisi, und ich habe wohl eher unbewusst auch mal ein wenig andere Reize gesetzt. Nehmen wir als Beispiel den 1. August. Da ich mit meinen anderen Geschwistern gemeinsam unserem ältesten Bruder eine Großglocknerbesteigung geschenkt habe, musste das Geschenk auch mal eingelöst werden, also haben wir an besagtem Tag den Großglockner bestiegen, natürlich unter fachkundiger Anleitung eines Bergführers. Das war ein Erlebnis, Wahnsinn. Und am Feiertagswochenende Mitte August war ich mit meiner Lisi in Südtirol, genauer gesagt in den Dolomiten. Und auch hier haben wir die Zeit ein wenig zum Wandern genutzt, aber nicht zu wild.

Und jetzt stehe ich hier. Als Ziel habe ich zwar eine Zeit unter 12 Stunden ausgegeben, aber ich weiß, dass diese Zielsetzung sehr optimistisch ist. Soll heißen, es wäre wirklich unglaublich, wenn ich das schaffen würde, aber sollte das nicht hinhauen, ist es halb so wild. Primärziel muss natürlich das Finishen sein. Dafür wurden auch schon gewisse Motivationsstützen gewählt, einerseits natürlich das Finisherbussi, welches mich nach erfolgter Zieldurchfahrt erwarten sollte, andererseits natürlich das Bier, das mir Roli schon vor zwei Jahren versprochen hat und bis jetzt noch nicht einlösen musste. Aber allein schon mein Ehrgeiz müsste eigentlich schon reichen.

Der Start

Es ist jetzt 6:45 Uhr, ab die Post. Also erst mal für die Leute ganz vorne in der Startaufstellung. Bis ich die Zeitnehmungsmatte überfahre, ist es schon 6:53 Uhr, und nach mir sollten noch viele folgen. Anscheinend Starterrekord in Sölden, wie danach berichtet wird. Anfangs ist das Tempo klassisch hoch, wie solls denn auch anders sein, wenn es die ersten gut 30 Kilometer runtergeht bis Ötz. Aber schon in Längenfeld staut es sich ordentlich, erst kann ich nicht erkennen, was los ist, bald ist aber klar, dass es einen Sturz gegeben haben muss und die Versorgung des Verletzten Platz braucht. Klar, ich hoffe, dem Herren ist nicht allzu viel passiert und ich übermittle ihm von dieser Seite meine Genesungswünsche. Auf meine eigene Fahrweise hat dies keine Auswirkung, da ich sowieso nicht der absolute Harakiri-Fahrer bin. In den letzten beiden Jahren war ich flotter in Ötz unten, aber ich liege noch im Plan. Ich habe mir nämlich zwei Pläne zurecht gelegt. Den einen wie gesagt mit Zielzeit knapp unter 12 Stunden, und den zweiten mit gut einer Stunde mehr Fahrzeit.

Das Kühtai

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Dann kommt der Anstieg zum Kühtai. Wie immer ist hier sehr viel los, man hat immer viele Leute um sich, die sortieren sich ein. Einige erkennen mich wieder, ob aus dem Video von 2015 oder aus den Blogbeiträgen, die ich schon verfasst habe. Das heißt, es ergeben sich einige Gespräche, die aber meist recht kurz sind. Aber ich freue mich drüber. Und ganz nebenbei, ich komme ziemlich gut voran. Es passt ganz gut. Die Strecke kenne ich zwar jetzt nicht auswendig, aber ich weiß ungefähr, was auf mich zukommt. Am Kühtai oben bin ich gut zwei Minuten hinter meinem optimistischen Plan, aber das kann man durchaus auf den Stau in Längenfeld zurückführen. Ich verpflege mich und mache dann relativ rasch wieder die Wolke. Einzig und allein mein geringer Flüssigkeitskonsum erstaunt mich ein wenig, ich denke mir aber noch nicht so viel dabei. Aber ich bemerke schon im Anstieg, dass ich auch heuer wieder mit Materialproblemen zu kämpfen habe, aber halb so wild, es ist nur die Hose, die dank Reibung mit dem Klettverschluss des Satteltäschchens an der Naht ein wenig aufreißt.

Die Abfahrt nach Kematen ist auch schnell erledigt, Strava meint, ich hätte irgendwo 112 km/h gerissen, müsste wohl irgendwo in der Anfahrt auf Gries im Sellrain gewesen sein. Garmin Connect ist da nicht so gnädig, zeigt deutlich weniger an. Ich hab aber nicht auf den Garmin geschaut, das musste dann wirklich nicht sein, lieber auf die Straße schauen. Dann die kurze Passage im Inntal nach Innsbruck. Ich bin jetzt nicht mit einer großen Gruppe verwöhnt, aber ich habe fast immer irgendjemanden um mich und kann mich zumindest abwechseln in der Führung.

Der Brenner

Und dann scheint es, als ob mir das Rennglück mal so richtig hold ist. In Innsbruck fahre ich auf eine Gruppe mit ca. 70 Leuten auf. Sehr fein, so solls sein. Ich fahre also aus Innsbruck raus in der großen Gruppe und kann hier wunderbar mitschwimmen. Natürlich sprengt der Anstieg nach Schönberg hinauf die Gruppe ein wenig, aber ich hab immer noch viele Mitstreiter um mich und bin weiter gut mit dabei. Matrei und Steinach sind rasch erreicht, weiter geht’s nach Gries. Hier zieht die Steigung wieder deutlich an und bemerke dann doch, dass ich vielleicht um ein oder zwei Kilo schwerer bin als die meisten meiner Kollegen. In Erwartung der baldigen Schlusssteigung gehe ich auf mein Tempo runter. Am Brenner haben wir ja auch unsere eigene Verpflegung für die Gäste unserer Reise zum Ötztaler Radmarathon mit Startplatzgarantie, Hemi steht bereit, ich fasse meinen Beutel und er spielt inzwischen Radständer für mich, sehr komfortabel. Als ich mich auf den Weg mache, bin ich zwar ein klein wenig hinter Plan, aber es sind nur vier Minuten, das beunruhigt mich nicht weiter.

Der Jaufenpass

In der Abfahrt nach Sterzing bin ich auch nicht allein, manchmal darf ich mich hier an der Führungsarbeit beteiligen, wir sind keine zehn Leute. Gasteig ist rasch erreicht, aber hier schießen mir die Krämpfe in den Waden ein. Ich halte kurz nach der Zeitnehmungsmatte, um mich ein wenig zu dehnen. Dabei erwischt mich das Fernsehteam mit Vroni, sie fahren gleich weiter, wünschen mir aber viel Glück. Wir kennen einander ja seit 2015. Nach zwei Minuten Dehnen bin ich dann wieder fahrbereit. Allerdings dämmert mir, dass die 12 Stunden illusorisch sind und ich adaptiere meinen Plan. Da ich gute zwei Stunden für den Jaufenpass habe, beschließe ich, hier ganz viel mit Garmin zu fahren und zu achten, dass ich 600 hm/h zusammenbringe. Das ist relativ leicht, alle zehn Minuten muss der Höhenmesser 100 Meter mehr zeigen als zuvor. Das hat zum Zweck, dass ich die Zeitkontrolle am Jaufen gut schaffe und auch das Timmelsjoch noch einer Erledigung zuführen kann, was ja auch noch wichtig ist. Und die Krämpfe sollten tunlichst nicht kommen. Der Jaufen ist das Nadelöhr des Ötzi, wer den in der Zeit schafft, hat sehr gute Chancen, das Ding zu beenden. Sofern am Timmelsjoch noch etwas im Tank ist.

Und siehe da, ich komme mit dieser geänderten Taktik sehr gut voran, es sind ein klein wenig mehr als die 600 hm/h, aber nicht wirklich viel. Die Waden bleiben ruhig und ich komme ohne einmal abzusetzen gut zur Verpflegung am Jaufenpass. Kurz etwas gegessen, Wasser aufgefüllt und weiter geht’s. Was mich allerdings fast schon stört, ich habe seit dem Brenner nur gut einen halben Liter Wasser getrunken, die zweite Flasche ist noch zur Gänze voll. Ich weiß jetzt auch, wo die Krämpfe herkommen. Ich muss mich mehr zum Trinken zwingen. Oben am Jaufenpass halte ich nach dem Überfahren der Zeitnehmung nochmals, um mich ein wenig zu dehnen. Es ist 14:34 Uhr, ich habs also geschafft, ich bin vor Schließung des Kontrollpunktes um 14:40 oben. Da wird mir Hilfe vom Ötzi Radteam zuteil, ich bekomme Magnesium gereicht. Herzlichen Dank dafür, sehr kollegial.

Die Abfahrt nach St. Leonhard ist der absolute Wahnsinn, extrem technisch, sehr verwinkelt, hier ist absolute Konzentration nötig.

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Bis jetzt kannte ich das ja nicht vom Radfahren, ich bin da nur ein Mal mit dem Auto runter. Aber diese Abfahrt fordert mich ziemlich. Und dann unten angekommen, startet das Rennen zum dritten Mal. Der erste Start in Sölden ist logisch, der zweite in Sterzing auch nochmals nachvollziehbar, aber der dritte Start ist mir jetzt neu. Aber ich habe ein gutes Gefühl, die Geschichte, dass ich den Jaufen gebogen habe, gibt mir ganz große Zuversicht.

Das beste kommt am Schluss: Das Timmelsjoch

Es geht ans Eingemachte, die Anfahrt nach Moos beginnt. Hier gibt es noch eine Kontrollstelle. Wie ich dann später erfahren muss, ist hier keine Zeitnehmung, sondern einfach nur eine Streckensperre, wenn man es nicht schafft, aber das muss einem ja auch mal klar werden. Elmar, den ich von unserer Reise in die Vogesen kenne, ist ungefähr in meiner Leistungsklasse, wie ich erkennen darf, denn wir treffen einander öfters an der Strecke. Er hat auch die Kontrollstelle Moos auf dem Radar, setzt sich dann nach dem Erreichen des Ortsschildes an den Straßenrand und isst erst mal. Ich mache ihn drauf aufmerksam, dass wir die Kontrollstelle meiner Meinung nach noch nicht passiert haben (ich sollte Recht behalten), also setzt er sich wieder aufs Rad. Nach der ersten Kehre aus Moos raus schießen mir wieder die Krämpfe ein, ich muss vom Rad. Da ich aber auf keinen Fall zu viel Zeit verlieren will, schiebe ich, nicht zum letzten Mal heute. In der nächsten Kehre passt mich Vroni ab und mir wird ein Mikro ins Gesicht gehalten. Ich gebe an, unter Zeitdruck zu sein, Kontrollstelle und so, aber für eine kleine Wortspende bin ich doch zu haben. Das Kamerateam sollte mir dann immer wieder mal über den Weg laufen, denn sie wollen die Dramen einfangen, die sich im hinteren Feld am Weg aufs Timmelsjoch abspielen. Und ganz ehrlich, davon gibt es einfach genug.

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Ich komme so halbwegs voran, nicht mehr in dem Tempo, das ich mir erhofft und vorgestellt habe, aber ich komme voran. Schön, dass es auch kurze flachere Passagen gibt. Ich denke manchmal, ob ich überhaupt hochschalten sollte in den kurzen Flachstücken, oder ob ich es einfach mal so lassen sollte. Manchmal mach ich es so, manchmal anders, völlig egal. Schön langsam bemerke ich aber eine verstärkte Tätigkeit in meinem Verdauungstrakt. Kein wirklich gutes Zeichen. Aber die Labe wird ja bald erreicht sein, und dann sehen wir weiter. Und siehe da, das lange Flachstück beginnt schon. Die Labe lässt zwar noch ein wenig auf sich warten, aber gut, im Flachen kann ich ja ganz gut kurbeln. Da jetzt plötzlich das Schild in mein Blickfeld kommt, das die Labe ankündigt, bin ich beruhigt. Flaschen auffüllen, ein wenig essen und trinken, und dann mal die Tätigkeit im Verdauungstrakt beachten. Ich gehe ins Gasthaus, frage ganz artig, ob ich das WC benutzen dürfte, was mir natürlich auch gewährt wird. Und so mach ich dann einfach mal den Dumoulin. Mehr Worte möchte ich jetzt darüber nicht verlieren.

Ab jetzt ist es nur noch ein Kampf

Danach wieder raus, und jetzt hat es zu Regnen begonnen, hat sich aber schon davor angekündigt. Also macht nix, wieder aufs Rad und ab die Post. Der Blick hinüber verheißt nichts Gutes, denn die Straße bahnt sich ihren Weg den Hang hoch und mir wird bewusst, da muss ich auch rauf. Doch ich hab ja schon vorher gewusst, dass dieser Moment kommen würde, wo Zweifel aufkommen. Aber ich hab mir das Ziel gesetzt, diesen „depperten Fetzen“, das Finisher Trikot zu ergattern, und daher ist es auch kein Problem, mich weiter zu motivieren. Mein Ziel ist es, vor 19 Uhr am Timmelsjoch zu sein, damit ich auf der ganz sicheren Seite bin, was das Zeitlimit betrifft, und dann ginge sich auch noch eine Zeit unter 13 Stunden aus. Kaum ist dann das Flachstück aus und die Steigung zieht wieder an, schießen mir auch wieder die Wadenkrämpfe ein. Und sie werden jedes Mal stärker, teilweise schüttelt es mich vom Rad runter. Das heißt im Umkehrschluss, ich bin dann doch auch einige Meter zu Fuß unterwegs, aber dafür schäme ich mich nicht. Sogar das Gehen bereitet mir große Schmerzen. Und wieder ist das Kamerateam da, nach solchen Dramen suchen sie ja. Ok, ich gebe halt meine Gründe zum Besten, warum ich mir das überhaupt antue. Aber ich werde wieder mit guten Wünschen auf den Weg geschickt. Und als der Regen aufhört, kann ich sogar einen Regenbogen erkennen. Zugegeben, dieses Naturschauspiel berührt mich in dem Moment weniger als üblich, aber ich freue mich trotzdem.

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Bei der letzten Labe frage ich dann nach Magnesium, aber sie haben nur Salz vorrätig. Nehm ich gerne. Ich wollte etwas Wasser mit zwei Prisen Salz, aber es wird dann doch mehr, und nach dem Konsum dieses Gemischs überkommt mich dann auch noch leichter Brechreiz. Aber kein Vorwurf. Ich muss mich aber nicht übergeben, das ist das Gute. Die Krämpfe werden zwar nicht besser, aber zumindest nicht schlimmer.

Die Leute aus den Servicewagen stehen jetzt am Streckenrand, feuern uns alle miteinander an, reichen uns auch noch etwas zu Essen und sie geben uns sogar noch etwas Schwung mit indem sie uns anschieben.

In der vorletzten Kehre halte ich nochmals kurz, um mich ein wenig zu dehnen, also meine Waden, um genau zu sein. Da „erdreistet“ sich doch jemand aus einem Wagen der Rennleitung, mich zu Aufsteigen aufzufordern. Die Karenzzeit sei bald erreicht. „Mooooooooment, halb acht am Timmel.“ Diese Antwort wurde mit einem herzlichen Lacher und einem „Freili, passt scho“ quitiert.

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Dann fahre ich die letzten Meter auf den Tunnel hin. In der Linkskurve überkommt mich dann ein Gefühl der Zufriedenheit, ich fahre ins Dunkle und ich kurble rüber zur Passhöhe. Kurz vor dem Schild warten wieder einige Leute aus den Servicewagen, klatschen uns ab und zollen uns somit ihren Respekt. Ich finde das wunderschön. Was ist meine Zielzeit jetzt fürs Timmelsjoch? 19 Uhr? Zack, um 18:56 überquere ich die Matte und haue dabei vor Freude ein paar Mal auf den Lenker. Passt, und jetzt geht’s ab. Nein, davor noch Windjacke überziehen und meiner Freundin eine WhatsApp-Nachricht schicken, die aus einem einzigen Wort besteht: „Timmelsjoch“.

Von nun an gehts bergab

Da die Abfahrt nass ist, gehe ich kein Risiko, ich fahre recht vorsichtig und bremse früh. Es ist schon kalt, ich bemerke, wie die Wärme meinen Körper verlässt. Die Geschwindigkeitsmessung kurz vor der Brücke über den Timmelbach passiere ich wohl mit max. 60 Sachen, aber egal, wie gesagt, nasse Straße und so. Die Gegensteigung gehe ich noch motiviert an, aber wie schon erwähnt, es ist kalt, und schon machen die Muskeln wieder völlig zu. Gut, was solls, ich sterbe jetzt sicher keinen Heldentod. Aber mich schüttelt es sowieso vom Rad, also noch eine letzte kurze Schiebepassage. Vorm Fotografen geht’s wieder auf meine Prinzessin und ich fahre an der Mautstelle vorbei.

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Glücklicherweise schaffe ich es vor Aufhebung der Straßensperre an der Kreuzung nach Obergurgl vorbei, habe also großteils freie Straße. Dann ist Zwieselstein bald erreicht. Ich weiß gar nicht, auf welchem Ritzel ich da unterwegs bin, aber mich würds wundern, wenns nicht eines der drei größten wäre, vorne bin ich sowieso schon auf der kleinen Scheibe. Für diesen Minihügel zwar völlig jenseits, aber nach der Anstrengung gehts einfach nicht mehr besser.

Dann die Einfahrt nach Sölden, in den Ort rein, hier ist schon ein wenig Autoverkehr, aber gut, soll so sein. Die vorbeigehenden Passanten jubeln mit zu, ich stachle sie noch ein wenig auf, es tut so unglaublich gut. Dann kurz vor der letzten Kurve stehen mehrere Autos in einer Kolonne. Ich überhole sie einfach, gehe dann nochmals in eine Lücke rein und biege rechts ab. Noch ein Mal im Wiegetritt, ab über die Brücke, reinrollen ins Ziel, die Faust als Zeichen meines persönlichen Sieges gen Himmel gereckt und durch.

12:53:39!!!!!

Ich bremse und bin völlig am Ende, aus, leer, nichts geht mehr. Schlagartig hat sich sämtliches Adrenalin aus meinem Körper verabschiedet. Ich drapiere meine Prinzessin auf den Asphalt und lege mich gleich dazu. Da bemerke ich, dass jemand mein Rad nimmt, und ich sehe drei Köpfe über mir. Alle drei Köpfe kenne ich. Es sind Roli, Hemi und meine herzallerliebste Lisi. Roli hat sich meines Rades angenommen und drückt auf meinem Garmin auf Stopp, Hemi hilft mir auf und Lisi herzt mich innigst und küsst mich. Da bemerke ich, dass Hemi drei Bier mit hat. Es kommt nicht oft vor, doch mit diesem Bier bin ich jetzt gerade echt überfordert. Aber so etwas gibts wirklich nur ein Mal, also genieße ich trotz völliger Erschöpfung den Moment in vollen Zügen.

Beim Abholen meines Finisher-Trikots werde ich auch von vielen Leuten wiedererkannt und gefragt, wie es mir gegangen sei. Etwas wortkarg setze ich ein breites Grinsen auf und zeige mein Trikot. Es freuen sich so viele Leute mit mir, alle beglückwünschen mich. Ich bin irrsinnig glücklich.

Bis bald?

Der Ötztaler Radmarathon ist doch etwas ganz Besonders. Und hier werden auch alle Finisher gefeiert wie Sieger, und jeder einzelne Finisher ist ein Sieger. Das verstehen sie in Sölden. Und so wird auch mit den Menschen umgegangen. Die Helfer, die Teilnehmer, die Fans, hier sind wir alle eine große Familie, und jeder freut sich mit dem Anderen. Das macht dieses Erlebnis so speziell.

Danke für all die Gratulationen und die Glückwünsche, danke für alle Anfeuerungen und danke an alle, die mir dieses unglaubliche Erlebnis ermöglicht haben.

Und Dank gebührt auch meiner Lisi, die mit mir dieses Erlebnis geteilt hat.

3 Kommentare

  1. Hallo Xandi

    Schöner Bericht. Da kann man das Leiden ja fast quasi miterleben. Glückwunsch auf jeden Fall? Ich bin noch nie über 5000 Hm an einem Tag gefahren. Respekt.
    Werde den Ötztaler wohl auch irgendwann mal angehen und erleben.
    Gruss, Lutz

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